Hochwasserschutz auf gutem Stand

Im Gegensatz zur Vorsorge gegen einen Blackout des Stromnetzes ist der Hochwasserschutz im Heilbronn zwar noch nicht perfekt, aber auf einem guten Weg.

Die Unwetterkatastrophen in Westdeutschland, Bayern und Sachsen werfen auch die Fragen auf, wie gut Heilbronn und sein Umfeld vor ähnlichen Ereignissen geschützt ist.

Die Frage „Wie sicher ist Heilbronn im Katastrophenfall“ konnte zwar in Sachen Blackout des Stromnetzes  als noch nicht befriedigend bezeichnet werden, sieht aber im Bereich Hochwasserschutz wesentlich besser aus, wie einem umfang- und aufschlußreichen Dossier des Amtes für Straßenwesen zum Hochwasserschutz auf Gemarkung der Stadt Heilbronn von der zuständigen Abteilungsleiterin Jakobine Biehl aufgestellt wurde.

Unter ihrer Leitung wurden in den  vergangenen Jahren beim Hochwasserschutz sehr gute Leistungen erbracht.

Wir veröffentlichen hier den Inhalt des Dossiers:

Hochwasser in Böckingen um die Jahrhundertwende 1900

Allgemeines
Durch den Stadtkreis von Heilbronn fließen neben der Bundeswasserstraße Neckar auch mehrere Gewässer II. Ordnung.
Von allen Gewässer geht natürlicherweise auch Hochwasser aus, welches durch Überflutungen zu Probleme in den betroffenen Ortslagen führen kann.
Für alle Gewässer im Stadtgebiet Heilbronn wurden in den letzten Jahren/Jahrzehnte sogenannte Flussgebietsuntersuchungen (FGU) durchgeführt.
Dieser Aufgabe haben sich alle betroffenen Städte und Gemeinden in den jeweiligen Flusseinzugsgebieten gestellt.
Ziel der Untersuchungen war, für die gesamten Einzugsgebiete (EZG) der Gewässer eine flächendeckende, optimierte Hochwasserschutzkonzeption zu entwickeln, in der neben wasserwirtschaftlichen auch ökologische und ökonomische Aspekte berücksichtigt werden.
Alle Untersuchungen wurden auf den neuesten hydrologischen Daten aufgebaut.
Die Stadt Heilbronn ist in 3 Hochwasserzweckverbänden organisiert, um den Hochwasserschutz an den Gewässern II. Ordnung in den Ortslagen sicher zu stellen.
Dabei handelt es sich um die Zweckverbände Leintal, Böllinger Bach, Schozachtal.

Hochwasserschutz an den Gewässern II. Ordnung: Allgemeines
Wirksame und umweltverträgliche Hochwasserschutz (HWS)-Maßnahmen, die sowohl Ober- als auch Unterliegern eines Gewässernetzes zu Gute kommen, lassen sich nur auf der Grundlage eines gesamtheitlichen Konzeptes erstellen.
Auf der Basis von Flussgebietsuntersuchungen wurden deshalb für die Gewässer Leinbach, Böllinger Bach, Schozach/Deinenbach Hochwasserschutzkonzeptionen erarbeitet und Hochwasserzweckverbände gegründet.
Wie bei allen Flussgebietsuntersuchungen wird der Hochwasserschutz durch das Zusammenwirken von überörtlich wirkenden Rückhaltebecken und gewässerbegleitenden örtlichen Maßnahmen erreicht.
Die Aufgabe der Zweckverbände ist die Herstellung des Hochwasserschutzes für die jeweiligen Einzugsgebiete der Gewässer auf Grundlage der Ergebnisse der Flussgebietsuntersuchungen mit dem Ziel eines gleichwertigen 100-jährlichen Hochwasserschutzes im gesamten Verbandsgebiet.
Alle Zweckverbände (ZV) erhalten für die örtlichen und überörtlich wirkenden HWS-Maßnahmen eine Förderung des Landes in Höhe von 70 % der zuwendungsfähigen Kosten.
Die übrigen 30% der Kosten werden über einen Umlageschlüssel durch die Verbandsmitglieder finanziert.
Seit wenigen Jahren bekommen die ZV auch für Betrieb und Unterhaltung der Hochwasserschutzanlagen, Personal etc. , eine Zuwendung des Landes.

Schozach (ZV HWS Schozachtal):
Um die 12 Ortslagen entlang der Gewässer vor Hochwässern mit einer statistischen Wiederkehrzeit von 100 Jahren zu schützen, sind nach der dafür entwickelten Hochwasserschutzkonzeption 8 überörtlich wirkende Hochwasserrückhaltebecken (HRBen), die Sanierung zwei bestehender Anlagen im Dauerstau und mehrere ergänzende örtl. Hochwasserschutzmaßnahmen notwendig.
Seit 2002 hat der ZV neun von zehn HRBen gebaut.
Der Bau eines sehr kleinen Beckens auf Gemarkung Oberheinriet der Gemeinde Untergruppenbach im Landkreis (LK) HN sowie mehrere örtl.
HWS-Maßnahmen in Ilsfeld, Oberheinriet und Flein im LK HN stehen noch aus.
Nahe der Gemarkungsgrenze zu Flein befindet sich das Hochwasserrückhaltebecken (HRB) Deinenbach, das im Hochwasserfall die Ortslage Sontheim vor Überflutungen durch den Deinenbach schützt.

Fazit:
Der 100-jährliche HWS am Deinenbach für HN-Sontheim ist vollständig hergestellt, d.h., dass die Schutzwirkung für dieses Ereignis zu 100% gegeben ist.
Im LK HN fehlen noch ein kleines Becken und mehrere örtliche HWS-Maßnahmen in den o.g. Ortslagen.

Leinbach (ZV HWS Leintal):
Um die 11 Ortslagen entlang der Gewässer vor Hochwässern mit einer statistischen Wiederkehrzeit von 100 Jahren zu schützen, sind nach der dafür entwickelten Hochwasserschutzkonzeption 14 überörtlich wirkende Hochwasserrückhaltebecken, die Sanierung eines bestehenden Beckens in Kirchhausen und mehrere ergänzende lokale Hochwasserschutzmaßnahmen notwendig.
Seit der Gründung des Verbandes im Jahr 1998 wurden im Einzugsgebiet des Leinbaches 13 Hochwasserrückhaltebecken (HRB) und mehrere örtl. HWS-Maßnahmen realisiert.
Das 13. Becken ist kurz vor der Fertigstellung und befindet sich auf Gemarkung Massenbach.
Alle oberhalb der Gemarkung der Stadt Heilbronn liegenden Becken haben eine Schutzwirkung auch für Frankenbach und Neckargartach.
Zum Schutz dieser beiden Heilbronner Ortsteile wurden in den Jahren 2009 bis 2011 die Becken HRB-L16 am Leinbach und HRB-R5 am Rotbach sowie die Sanierung des bestehenden Hochwasserrückhaltebeckens R1 am Bruchbach in Kirchhausen realisiert.
Von November 2011 bis Oktober 2012 wurden in Frankenbach die örtl. Maßnahmen baulich realisiert.
Dabei wurden auf ca. 60 Grundstücken Mauern, wasserdichte Türen und Erdwälle hergestellt, so dass ein „geschlossener Kragen“ um das Hochwasser des Leinbaches und des Rotbaches entstand.
Das Hochwasser kann dadurch innerhalb dieser Schutzmaßnahmen schadlos abgeführt werden.
Die Ortslage Neckargartach profitiert mittlerweile von der Wirkung der oberstrom errichteten Becken.
Doch auch in Neckargartach reicht die Wirkung der 14 Becken alleine noch nicht aus, um das gewünschte Schutzziel eines 100-jährliches Hochwassers zu erreichen.
Dazu ist es zwingend notwendig, den ergänzenden lokalen Hochwasserschutz herzustellen.
Die Herstellung des örtl. Hochwasserschutzes am Leinbach in Neckargartach erfolgt in Verbindung mit der notwendigen Gewässerrenaturierung auf einer Gesamtlänge von ca. 600 m.
Dabei soll u.a. die Leistungsfähigkeit des Gewässers Leinbach erhöht und das vorhandene Wehr rückgebaut werden.
Damit wird der Wasserspiegel im Gewässer, der durch die Wehranlagen angestaut wird, abgesenkt werden.
Die bauliche Realisierung der Maßnahme soll, aus heutiger Sicht, 2023 erfolgen.

Fazit:
Der 100-jährliche HWS am Lein- und Rotbach für HN-Frankenbach ist vollständig hergestellt, d.h., dass die Schutzwirkung für dieses Ereignis an den Gewässern für Frankenbach zu 100% realisiert wurde.
In Neckargartach fehlt noch die örtl. HWS-Maßnahme (Gewässerausbau), so dass hier die Schutzwirkung vor einem 100-jährlichen Hochwasserabfluss noch nicht vollständig gegeben ist.
Sie besteht ca. zu 90 %.
Im LK HN fehlt noch ein kleineres Becken und örtliche HWS-Maßnahmen.

Böllinger Bach (ZV HWS Böllinger Bach):
Um die 5 Ortslagen entlang der Gewässer vor Hochwässern mit einer statistischen Wiederkehrzeit von 100 Jahren zu schützen, sind nach der dafür entwickelten Hochwasserschutzkonzeption 6 überörtlich wirkenden Hochwasserrückhaltebecken und mehrere ergänzende lokale HWS-Maßnahmen notwendig.
Seit der Gründung im Jahr 2000 wurden im Einzugsgebiet des Böllinger Bachs 5 Hochwasserrückhaltebecken gebaut.
Zum Schutz des Heilbronner Ortsteils Biberach wurde 2011 und 2017 die Becken am Grundelbach und Lechhecke gebaut sowie das bestehende Becken „Böllinger Höfe“ saniert.
Die Realisierung des Beckens Erkenteich in Biberach steht noch aus, was bisher an Grunderwerbsproblemen scheiterte.
Als örtl. Hochwasserschutzmaßnahme muss der Böllinger Bach in der Ortslage auf einer Länge von rd. 800 m leistungsfähiger ausgebaut werden.

Fazit:
Der HWS für Biberach ist noch nicht vollständig hergestellt.
Es fehlen das Becken Erkenteich und der Gewässerausbau in Biberach.
Hier ist die Schutzwirkung für einen 100-jährlichen Hochwasserabfluss erst zu ca. 60 – 70 % vorhanden.

Wolfsgraben:
Die Stadt HN plant im Umfeld der Haseltersiedlung eine Baugebietsentwicklung (Erschließung des Längelter und Sonnenbrunnen Areals).
Dazu muss jedoch zuvor der Hochwasserschutz am Wolfsgraben hergestellt werden.
Deshalb wurde die Erstellung eines wasserwirtschaftlichen Gesamtkonzeptes, welche sehr komplexe Randbedingungen (Hochwasserschutz, Siedlungsentwässerung, Variantenplanungen etc. ) abdecken muss, in Auftrag geben.
Der Hochwasserschutz wird dann entweder über ein ungesteuertes Hochwasserrückhaltebecken (HRB) oder über einen neuen Stauraumkanal, der bis zum Neckar geführt wird, hergestellt.

Köpfer-/Pfühlbach:
Für den Hochwasserschutz des Heilbronner Ostens sorgt das 2005 sanierte HRB Köpferstausse.
Das Becken hat eine Schutzwirkung für die unterhalb befindliche Bebauung bis zu einem 50- jährlichen Hochwasserereignis.
Der Pfühlsee, als Stauanlage von untergeordneter Bedeutung, wurde 2019/2020 sicherheitsangepasst.
Für den Trappensee stehen die Sanierungsabreiten ab Okt. 2021 bis Febr. 2022 an.

Hochwasserschutz am Neckar: Allgemeines
Der Hochwasserschutz am Neckar in Heilbronn wurde Anfang der 1950iger Jahre im Zusammenhang mit dem Bau der Staustufe Heilbronn für ein 100-jährliches Ereignis hergestellt.
Aufgrund des Alters und des Zustandes dieser Anlagen (u.a. Deiche entlang des Neckar, HW-Sperrtor etc.) ist eine Sanierung notwendig.
Im Zusammenhang mit der Sanierung soll der Schutzgrad auf einen 200- jährlichen HWS, unter Berücksichtigung des Klimaänderungsfaktors, für 33 Mio. € ausgebaut werden.
Derzeit befinden sich 5 von 15 Maßnahmen in der Entwurfsplanung.
Für 3 weitere Maßnahmen beginnt die Entwurfsplanung nach der Sommerpause 2021.
Mit dem Bau/Sanierung der 1. Maßnahme wird voraussichtlich (Planfeststellung, Zuschussbewillung…) 2023/24 begonnen.
Alle Maßnahmen sollen dann in einer Zeitspanne von 10 Jahren abgeschlossen sein, d.h. 2034.

Regenrückhaltebecken:
Im Heilbronner Osten sorgen zudem 32 sogenannte Regenrückhaltebecken (RRB) dafür, dass der oberflächennahe schnelle Regenabfluss, überwiegend aus den Weinbergen, kurzeitig in den Becken zwischengespeichert wird.
Damit wird die Einleitungswelle in das Kanalnetz gepuffert und der Zufluss gedrosselt, mit dem Ziel, eine Überlastung im Kanalsystem zu vermeiden.
Die RRB befinden sich überwiegend unterhalb von Weinbergen und dienen auch als „Schlammfang“.
Die Becken wurden im Rahmen der Rebflurbereinigung geplant und gebaut.
Regenrückhaltebecken liegen nicht an einem Gewässer, sondern im freien Gelände und sammeln das Wasser, welches oberflächig abfließt.
Diese Becken sind i.d.R. sehr klein.
Für alle Becken wurde eine sogenannte Sicherheitsüberprüfung, die von der Unteren Wasserbehörde gefordert wurde, durchgeführt.
Bis auf zwei Becken sind die Anpassungen bereits baulich erfolgt.
Beim vorletzten Becken beginnen die baulichen Anpassungsmaßnahmen im September.

Vorkehrungen für den Hochwasserfall: Alarm- und Einsatzplanung
Für den Hochwassereinsatz an den Gewässern II. Ordnung und dem Neckar existiert beim Amt für Straßenwesen ein ständig aktualisierter Hochwassereinsatzplan.
Dieser Hochwassereinsatzplan regelt den Einsatz der Mitarbeiter / innen des Amts für Straßenwesen im Hochwasserfall und den Ablauf der notwendigen Maßnahmen.
Die wichtigsten Tätigkeiten sind das Schließen des Hochwassersperrtores am Neckar, die Veranlassung von Straßen- und Wegesperrungen, die Kontrolle der Rechen vor den Einläufen von Verdolungen an den Gewässern sowie die Hochwasserdeich- und Dammbegehungen.
Ab dem Neckarwasserstand von 7,80 m greift der Besondere Katastropheneinsatzplan „Hochwasser“.

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